Stacheldraht und Körperschallmelder: Ich habe das Cannabis-Startup besucht, das unseren Staat beliefert

Stacheldraht und Körperschallmelder: Ich habe das Cannabis-Startup besucht, das unseren Staat beliefert

In einem Dorf bei Dresden wird Gras angebaut – ganz legal. Mehr noch: der Auftraggeber des Startups Demecan ist die Bundesregierung. Bald könnte der Durchbruch gelingen.

Voll auf Gras: Gründerszene-Redakteurin Nadine Jantz in der Cannabis-Fabrik von Demecan.

Voll auf Gras: Gründerszene-Redakteurin Nadine Jantz in der Cannabis-Fabrik von Demecan.

Gründerszene / Lisa Kempke

Stacheldraht und ein komplett eingezäunter Firmenkomplex – rund sechs Kilometer vor der 4.795-Seelengemeinde Ebersbach in der Nähe von Dresden liegen die Produktionsstätten des deutschen Cannabis-Startups Demecan. Eine Führung durch die Hanfplantage erinnert eher an den Besuch des Hochsicherheitstraktes eines Gefängnisses als dem in einem Gewächshaus: massive Gittertüren, Videokameras und dicke Stahlbetonwände, die bis zu 24 Zentimeter breit sind. Wer sich die Fabrik anschauen möchte, muss sich ausweisen und an einem Wachdienst vorbei.

30.000 Quadratmeter umfasst das Fabrikgebäude, genutzt werden aktuell nur 5.000 Quadratmeter

30.000 Quadratmeter umfasst das Fabrikgebäude, genutzt werden aktuell nur 5.000 Quadratmeter

Lisa Kempke für Business Insider

Auf dem Gelände läuft man zuerst auf ein Bürogebäude zu, links davon geht es dann in die Fabrik. Auf dem Boden dort sieht man überall kleine silberne Quadrate. „Das sind Körperschallmelder“, erzählt Franz Großmann. „Wenn hier jemand mit einem Schlagbohrer ansetzt oder sich beispielsweise von unten einen Tunnel in die Hallen graben möchte, wird direkt ein Alarm ausgelöst.“ Der 31-Jährige ist verantwortlich für die Kommunikation bei Demecan und führt uns durch die Produktionsstätten.

Keine Chance für Einbrecher: an vielen Stellen sind Körperschallmelder in den Boden eingelassen

Keine Chance für Einbrecher: an vielen Stellen sind Körperschallmelder in den Boden eingelassen

Lisa Kempke für Business Insider

Heute ist Erntetag. Doch bevor es in einen der Produktionsräume geht, heißt es erstmal Schuhe wechseln, Schutzanzug anziehen, Haare zurückbinden, Mundschutz auf, Haarnetz anziehen und Plastikhandschuhe an. Dann müssen Handys und Kameras desinfiziert werden.

In die Produktionshallen kommt man ausschließlich mit Schutzkleidung

In die Produktionshallen kommt man ausschließlich mit Schutzkleidung

Lisa Kempke für Business Insider

„Anfang der 90er wurden hier lebende Kühe und Schweine hingebracht, geschlachtet und zu Dosenfleisch verarbeitet“, erzählt Constantin von der Groeben, einer der drei Gründer, im Gespräch mit Gründerszene. Durch Zufall hatten sie die leerstehende Fleischereifabrik im sächsischen Ebersbach gefunden. 100.000 Quadratmeter Fläche, bebaut sind rund 30.000 Quadratmeter, genutzt werden aktuell 5.000. Demecan kann auf dem Gelände also noch deutlich wachsen.

Die erste Gittertür, die man passieren muss, um in den Produktionsbereich zu gelangen

Die erste Gittertür, die man passieren muss, um in den Produktionsbereich zu gelangen

Lisa Kempke für Business Insider

Demecan, was für Deutsches Medizinal Cannabis steht, ist eine von nur drei Firmen, die aktuell in Deutschland Cannabis anbauen dürfen. Vorausgegangen war ein langer Bewerbungsprozess bei der Deutschen Cannabisagentur. Schon 2017 reicht Constantin von der Groeben gemeinsam mit zwei Freunden aus Studientagen in Köln seinen Antrag bei der Agentur ein. Er ist studierter Jurist, arbeitete vorher im Bundeswirtschaftsministerium. Sein einziger Berührungspunkt mit Marihuana bis dahin: die rechtliche Beratung. Sie bekommen trotzdem den Zuschlag – als einziges deutsches Startup.

12 Stunden werden die Cannabispflanzen mit Kunstsonne bestrahl, 12 Stunden ist es dunkel

12 Stunden werden die Cannabispflanzen mit Kunstsonne bestrahl, 12 Stunden ist es dunkel

Lisa Kempke für Business Insider

Rund 4.000 Hanfpflanzen wachsen seit Oktober 2021 in Ebersbach und das nicht nur unter strengsten Sicherheitsbedingungen. Auch die künstliche Sonnenbestrahlung und Nährstoffzufuhr werden strengstens geprüft. So werden die Pflanzen beispielsweise nicht in Erde eingepflanzt, sondern in Steinwollballen gesteckt und durch ein vollautomatisches Bewässerungssystem versorgt. Zehn Gärtner kümmern sich um die Mutterpflanzen und Stecklinge. Zwei Wochen dauert es, bis die kleinen Stecklinge anwurzeln, dann folgt eine dreiwöchige Vegetationsphase bis eine Pflanze nach rund 70 Tagen erntereif ist.

Die Stecklinge werden von Gärtner Karl-Heinz Reuschl begutachtet

Die Stecklinge werden von Gärtner Karl-Heinz Reuschl begutachtet

Lisa Kempke für Business Insider

Auf dem Gang laufen zwei Personen mit rollenden Kisten entlang: Die sind bis oben vollbeladen mit Cannabis – alle zwei Wochen ist Erntetag. Heute ist die 22. und die fällt besonders zufriedenstellend aus: „Wir rechnen mit einer Rekordernte, schätzungsweise 110 Kilogramm“, erzählt der Produktionsleiter Gabriel Notz. Zur Unterstützung hat das Startup Werksstudenten über eine externe Firma gebucht. Die Blüten werden per Hand abgeschnitten und dann vorsichtig von Stängeln und übriggebliebenen Pflanzenteilen befreit. Im Hintergrund läuft – ganz Klischee – HipHop.

Volle Konzentration: Bis zu 15 externe Helfer unterstützen bei der Ernte

Volle Konzentration: Bis zu 15 externe Helfer unterstützen bei der Ernte

Lisa Kempke für Business Insider

Das mitten in Deutschland im großen Stil Gras angebaut wird, wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen. Seit 2017 darf Cannabis hierzulande zur Behandlung bei schweren Erkrankungen von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden. Seitdem steigt die Nachfrage kontinuierlich: Laut des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurden allein 2021 rund 20,6 Tonnen Cannabis importiert.

Lisa Kempke für Business Insider

Die händisch abgetrennten Cannabisblüten kommen dann in eine Art Erntemaschine. Dort werden sie maschinell gereinigt. Die Maschine ist so laut, dass die Helfer, die in dem Raum arbeiten, einen Lärmschutz tragen. Anschließend werden die Blüten in großen Metallschalen in ein Regal geschoben, das wiederum so komplett in einen Trockenraum kommt. In einem Ofen trocknen die Blüten dann vier Tage lang.

In diesen Schubladen kommen die Cannabisblüten in den Ofen

In diesen Schubladen kommen die Cannabisblüten in den Ofen

Lisa Kempke für Business Insider

Hinter dem Umsatz mit Cannabisprodukten steckt ein potenzieller Milliardenmarkt. Eine Studie im Auftrag des Hanfverbandes rechnet von einem Bedarf von rund 300 Tonnen legalem Cannabis – allein für Deutschland. Statista schätzt den Umsatz mit legalen Cannabisprodukten auf dem europäischen Markt im Jahr 2025 auf 3,166 Milliarden Euro. Doch trotz der wirtschaftlichen Faktoren ganz unumstritten ist die kommende Legalisierung zu Genussmitteln in Deutschland nicht. Die Polizeigewerkschaft und viele Unionspolitiker sehen Cannabis als Einstiegsdroge, warnen vor einer Verharmlosung. Trotzdem – mit 66 Prozent der Bevölkerung ist die Mehrheit der Deutschen laut einer aktuellen Umfrage von Civey für das Cannabisunternehmen Sanity Group für die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken.

In den insgesamt 4 „grow rooms“ wachsen rund 4.000 Pflanzen

In den insgesamt 4 „grow rooms“ wachsen rund 4.000 Pflanzen

Lisa Kempke für Business Insider

„Wir könnten wahrscheinlich schon jetzt mehr als das Doppelte produzieren“, erzählt Constantin von der Groeben. Sobald die Legalisierung kommt, steht man hier bereit. Drei Räume für den Anbau von Cannabis sind bereits fertiggestellt, betreten werden dürfen sie noch nicht. Derzeit werden hier im Jahr 1.000 Kilogramm Cannabis hergestellt. Wenn die Sicherheitsstandards so hoch blieben wie aktuell, könnten so acht bis zehn Tonnen Cannabis produziert werden. Sobald man Cannabis im Gewächshaus anbauen darf, seien da auch noch ganz andere Mengen möglich, sagt der 38-Jährige. Er selbst rechnet mit einer Legalisierung Anfang 2024.

Rund fünf Stunden dauert es bis an einem Erntetag alle Blüten von den Stielen befreit sind

Rund fünf Stunden dauert es bis an einem Erntetag alle Blüten von den Stielen befreit sind

Nach dem Trocknungsprozess wird es für den Laien kurz kompliziert: Damit sich keine Mikroorganismen bilden und eine mikrobiologische Qualität gewährleistet werden kann, werden die Cannabisblüten mit Elektronenstrahlen sterilisiert. Der Prozess dauert an sich nur wenige Sekunden. Die Anschaffung einer solchen Maschine ist aber so teuer und aufwendig, dass das aktuell noch der einzige Schritt ist, den Demecan ausgelagert hat.

In diesen vakuumierten Säcken werden die getrockneten Blüten zur Bestrahlung geschickt

In diesen vakuumierten Säcken werden die getrockneten Blüten zur Bestrahlung geschickt

Lisa Kempke für Business Insider

In vakuumierten Behältern kommen die getrockneten Blüten zurück und werden dann in einzelne Plastikbecher abgefüllt – zu je 50 Gramm. Für wie viel die verkauft werden, verrät von der Groeben nicht. Nur so viel: Die Deutsche Cannabisagentur verkauft das deutsche Gras für 4,50 Euro an die Apotheken. Und: Der Durchschnittspreis, den die drei Hersteller pro Gramm in Deutschland beziehen, liegt bei 2,30 Euro. Alle paar Tage kommen im Auftrag der Deutschen Cannabisagentur Transporter und holen die vakuumierten Behälter ab. Von der Ernte bis zu dem Punkt, an dem die Blüten in der Apotheke zu kaufen sind, dauert es ungefähr vier Wochen. In Ebersbach bei Dresden reift dann bereits die nächste Ernte heran.

Rund vier Wochen dauert es von der Ernte bis zu Verkauf in deutschen Apotheken

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Lisa Kempke für Business Insider

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